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Nachbericht Philosophikum : Selber denken zur „Zukunft des Wohnens“

Wie wollen wir in Zukunft wohnen?

Mit dieser Frage begann das Philosophikum, das ich Anfang Juli in der Tauglerei in St. Koloman im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Selber denken“ des Holzclusters Salzburg begleiten durfte. Es war ein Abend, der sich bewusst gegen schnelle Antworten stellte – und stattdessen einen Raum eröffnete, in dem gemeinsames Denken wichtiger war als fertige Lösungen.

Wohnen ist mehr als Architektur

Wenn wir über die Zukunft des Wohnens sprechen, richten wir unseren Blick oft auf neue Bauweisen, nachhaltige Materialien oder intelligente Technologien. All das ist relevant. Doch eine grundlegendere Frage geht diesen Entwicklungen voraus:

Wo und wie wollen wir künftig zu Hause sein?

Im Philosophikum habe ich dazu die Wohnmatrix* als Denk- und Dialogmodell vorgestellt. Sie macht deutlich, dass Wohnen weit mehr ist als die Summe von Quadratmetern oder Funktionen. Wohnen entsteht dort, wo Räume Identität ermöglichen, Atmosphären kultiviert werden und Beziehungen wachsen dürfen.

Ein Haus lässt sich bauen. Ein Zuhause wächst.

Es entfaltet sich durch gelebte Wohnpraxis, Resonanz zwischen Mensch und Raum und durch eine Wohnkultur, die nicht nur Bedürfnisse erfüllt, sondern Sinn stiftet.

Warum wir beim Nachdenken über die Zukunft immer wieder in der Vergangenheit landen

Eine Beobachtung hat mich besonders beschäftigt.

Obwohl wir eingeladen waren, über die Zukunft des Wohnens nachzudenken, führte uns das Gespräch immer wieder zurück. Vergleich mit früheren Wohnformen, Erfahrungen aus der Kindheit oder verlorene Qualitäten des Zusammenlebens wurden zu wichtigen Bezugspunkten.

Vielleicht ist das kein Zufall.

Denn Zukunft lässt sich nicht entwerfen, ohne zu verstehen, welche Erfahrungen unser Bild vom guten Wohnen bis heute prägen. Bevor wir neue Räume gestalten, lohnt es sich zu fragen, welche Formen des Wohnens wir unbewusst bewahren wollen oder verloren haben.

Zwischen Wohnfunktion und Wohngefühl

Ebenso deutlich wurde ein Spannungsfeld, das viele von uns kennen. Auf der einen Seite stehen funktionale Anforderungen: Leistbarkeit, Energieeffizienz, Flexibilität oder Sicherheit. Auf der anderen Seite steht das schwer messbare Bedürfnis nach Geborgenheit, Zugehörigkeit und Identität. Dieses Spannungsfeld ist kein Widerspruch, den es aufzulösen gilt. Es ist Ausdruck einer grundlegenden Frage:

Kann Wohnen gelingen, wenn wir ausschließlich über Funktionen sprechen und dabei das Erleben aus dem Blick verlieren?

Gerade hier zeigt sich, dass Wohnqualität weit mehr umfasst als bauliche Qualität.

Flexibilität bedeutet mehr als variable Grundrisse

Ein weiterer Gedanke zog sich wie ein roter Faden durch unser Gespräch: Wohnen muss beweglicher werden – nicht der Mensch.

Über Generationen hinweg galt das Eigenheim als Ausdruck von Sicherheit, Beständigkeit und Lebensleistung. Das freistehende Haus im Grünen war für viele ein erstrebenswertes Ziel. Heute beobachten wir jedoch einen Wandel. Viele junge Menschen erleben großes Wohneigentum weniger als Freiheit denn als langfristige Verpflichtung. Gleichzeitig bleiben ältere Menschen nach dem Auszug der Kinder oder nach dem Verlust ihrer Partnerinnen oder Partner oft allein in Häusern zurück, die einst für das Familienleben gebaut wurden – heute jedoch mehr Belastung als Gewinn sind.

Diese Beobachtung führte zu einer weiteren Frage des Philosophikums:

Müssen Menschen ihr Zuhause ständig wechseln – oder sollten sich Wohnräume den Lebensphasen ihrer Bewohnerinnen und Bewohner anpassen können?

Flexibilität bedeutet aus dieser Perspektive nicht nur veränderbare Grundrisse oder modulare Architektur. Sie beschreibt die Fähigkeit eines Wohnraums, mit dem Leben mitzuwachsen, sich zu öffnen oder zu verdichten, ohne dass authentisches Wohnen verloren geht.

Vielleicht besteht die Zukunft des Wohnens deshalb nicht darin, immer neue Häuser zu bauen, sondern Gebäude so zu denken, dass sie unterschiedliche Lebensphasen begleiten können – vom Familienleben bis ins hohe Alter.

Auffällig war jedoch, dass auch hier die Diskussion überwiegend bei baulichen Funktionen stehen blieb. Es ging um Teilbarkeit, Erweiterbarkeit und Nutzungskonzepte. Weit seltener wurde gefragt, welche Wohnform älteren Menschen tatsächlich ein Gefühl von Zuhause vermittelt, welche Räume Einsamkeit verringern oder wie Architektur Resonanz und Generationen übergreifende Gemeinschaft fördern kann. Gerade darin zeigt sich für mich der Unterschied zwischen einem funktionierenden Gebäude und einer lebendigen Wohnkultur.

Was verhindert authentische Wohnformen?

Viele Teilnehmende beschrieben politische, wirtschaftliche und finanzielle Rahmenbedingungen als Grenzen ihrer Gestaltungsmöglichkeiten. Nicht selten entstand der Eindruck, dass sozio-ökonomische Interessen sowie private finanzielle Möglichkeiten darüber entscheiden, wie wir wohnen – und weniger die Frage, wie Menschen eigentlich leben möchten.

Diese Wahrnehmung verweist auf eine tiefere Herausforderung.

Wie können Wohnformen gestaltet werden, die nicht nur dem finanziell potenten Häuslebauer ein authentisches Wohnen ermöglichen sonder auch Menschen im staatlichen Sozialbau? Diese Herausforderung ist adressiert sowohl an individuelle Wohnbedürfnisse als auch an kollektive. Welche Wohnform bevorzuge ich persönlich aber auch wie steht diese Wohnform zu meiner Kultur, Gesellschaft. Da das Wohnen uns alle betrifft sollten wir gründlich darüber nachdenken welche Rahmenbedingungen wir schaffen und zulassen wollen.

Künstliche Intelligenz verändert Häuser – aber verändert sie auch unser Wohnen?

Ein weiterer Schwerpunkt unseres Philosophikums war die Rolle von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz.

Smart Homes versprechen Komfort, Sicherheit und Effizienz. Doch je intelligenter unsere Häuser werden, desto drängender werden Fragen nach Verantwortung, Freiheit und Selbstbestimmung.

Mich interessiert dabei weniger, was Künstliche Intelligenz leisten kann, sondern welches Wohnbild wir mit ihrem Einsatz verbinden. Technik hat schon immer zum Bauen dazugehört nur jetzt ist sie das erstemal in der Lage unser Wohnverhalten maßgeblich zu steuern als auch Wohn-wohl-gefühl über Sensoren zu messen z.B.  Raumtemperatur, Luftfeuchtigkeit, Herzfrequenz, Blutdruck etc. und auf die Bewohner abzustimmen.

Ein Wohn-Wohl-Gefühl entsteht durch das harmonische austarieren der Mensch-Raum-Beziehung. SmartHome-Systeme klinken sich als technische Mittler in diese Beziehung ein. Sie verändern Gewohnheiten, Entscheidungen und Beziehungen und unser Wohnbild. Deshalb braucht jede technische Innovation eine kulturelle und philosophische Reflexion.

Zukunft entsteht dort, wo wir gemeinsam denken

Am Ende wurde deutlich, dass sich unsere Ausgangsfrage nicht zwischen zwei Extremen entscheiden lässt – weder zwischen vollständiger Digitalisierung noch zwischen einer romantischen Rückkehr zu vergangenen Wohnformen.

Die Zukunft des Wohnens entsteht vielmehr dort, wo wir den Menschen wieder in den Mittelpunkt stellen.

Mit dem Philosophikum wurde ein Resonanzraum geöffnet, in dem unterschiedliche Erfahrungen, Zweifel und Visionen aufeinandertrafen. Genau darin liegt seine Kraft: Nicht Antworten zu liefern, sondern neue Fragen zu ermöglichen.

Für mich bleibt deshalb eine Erkenntnis:

Die Zukunft des Wohnens entscheidet sich nicht zuerst in Architekturwettbewerben oder Technologieentwicklungen. Sie beginnt dort, wo wir unser Denken über das Wohnen verändern.

Denn Wohnen ist immer Ausdruck unserer Art und Weise In-der-Welt-zu-sein.

Ich danke dem Holzcluster Salzburg für die Einladung und allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für ihre Offenheit, ihre Neugier und ihre Bereitschaft, gemeinsam zu denken. Ein Philosophikum endet nicht mit der letzten Wortmeldung. Es wirkt dort weiter, wo Fragen nachhallen – und unser Verständnis vom Wohnen langsam verändern.


*Die Wohnmatrix ist Teil meiner Dissertation „Die Bedeutung von gutem Wohnen im Alter in Smart Homes“ und wird gefördert von netidee.